TRENNUNG VON STAAT UND KIRCHE ODER KOMMUNITARISMUS

IST DAS FRANZÖSISCHE MODELL AUSSCHLIESSLICH FRANZÖSISCH?
Dienstag 3. Juli 2007
par  cilalp_france
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Liebe Freunde,

es ist allgemein bekannt, daß in Frankreich ein System der Trennung von Staat und Kirche besteht. Diese Trennung – man bezeichnet sie als Laizismus, ich komme noch darauf zurück – manifestiert sich in drei grossen Säulen unserer Republik : den Schulgesetzen der Jahre 1860-1886, dem Gesetz der Trennung von Staat und Kirche von 1905 selbst und der Präambel der Verfassung der 5. Republik von 1958, welche die der aus dem 2. Weltkrieg hervorgegangenen 4. Republik, wieder aufnimmt : „Frankreich ist eine unteilbare Republik, laizistisch, demokratisch und sozial“, sie wurde kürzlich auch für „dezentralistisch“ erklärt, für die Belange der Europäischen Union eine Fragestellung von Bedeutung, die aber gar nicht direkt in meine Rede heute einfließt. Das Wesentliche am Gesetz von 1905 konzentriert sich in den zwei ersten Artikeln:

- Art 1: „Die Republik garantiert die Gewissensfreiheit. Sie garantiert die freie Religionsausübung mit der einzigen Einschränkung, die im Anschluss im Interesse der öffentlichen Ordnung erlassen wird“,
- Art. 2: „Weder anerkennt, noch finanziert oder subventioniert die Republik irgendeine Religion. Infolgedessen werden ab dem 1. Januar nach Verkündigung dieses Gesetzes die Staatsbudgets, die der Departements und der Gemeinden, alle Ausgaben, die die Religionsausübung betreffen, gestrichen(...).“

Es sei daran erinnert, daß von Napoleon I. bis 1905 das geltende System das des Konkordats war, d.h. ein System, in dem insbesondere die katholische Kirche vollständig von öffentlichen Steuergeldern finanziert wurde. Es sei ebenfalls daran erinnert, daß es nicht das erste Mal war, daß es ein Gesetz zur Trennung von Staat und Kirche gab, denn dieses existierte bereits in der Folge der Französischen Revolution von 1795 bis 1801 (Zeitpunkt des Konkordats Bonapartes), dann 1871 während der kurzen aber ruhmreichen Pariser Kommune : Man kann es so ausdrücken, die Trennung von Staat und Kirche ist die natürliche Fortsetzung der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte, und sie wird jedes Mal wieder in Frage gestellt, wenn es darum geht, dem Volk die Macht zu entziehen, aber auch darauf kommen wir noch zurück.

Wenn ich mit der Schulgesetzgebung begonnen habe, dann deshalb, weil sie eine wesentliche Rolle bei der Inkraftsetzung des Gesetzes von 1905 gespielt hat: Eine Generation war auf den Schulbänken öffentlicher Schulen unterrichtet worden, und die öffentliche Meinung war daher bereit für die Trennung von Staat und Kirche. Zuvor war übrigens 1901 ein sog. Vereinigungsgesetz verabschiedet worden, welches jedem erlaubte und immer noch erlaubt, Vereinigungen ganz gleich mit welchem Ziel zu gründen. Dieses Gesetz hat nicht seinesgleichen in der ganzen Welt, ebenso wenig übrigens wie das Gesetz von 1905: in der Tat, diese beiden Gesetze sind verknüpft: durch die Einführung der Vereinigungsfreiheit konnte man die anerkannten Kirchen (die katholische, beide protestantischen Konfessionen und die jüdische) aus dem öffentlichen in den privaten Bereich überführen.

Wenn man auf die zwei wesentlichen Artikel des Gesetzes von 1905 zurückkommt, stellt man fest, daß der zweite, die Nichtanerkennung und die Nichtsubventionierung irgendeiner Religion durch den Staat in der Tat die logische Konsequenz des ersten darstellt, der, wie gesagt, vorschreibt, daß die Republik die Gewissensfreiheit und die freie Religionsausübung garantiert. Das heißt, die Gewissensfreiheit, das Recht zu glauben oder nicht zu glauben, eine Religion zu praktizieren oder nicht, ist garantiert, weil der Staat sich jeder Einmischung in den Bereich, der von nun an zur Privatsphäre gehört, enthält. Als Gegenleistung zur vollständigen Freiheit, die den Kirchen zugestanden wird, dürfen sich diese ihrerseits nicht in den öffentlichen Bereich einmischen, eine Einmischung, die wir Klerikalismus nennen.

Der Laizismus ist die Institutionalisierung der Trennung von Staat und Kirche. Es handelt sich keinesfalls um eine nicht-religiöse oder anti-religiöse Art zu denken, oder darum Gleichgültigkeit gegenüber der Religion oder z.B. Atheismus anders zu benennen. Einige Länder haben den Atheismus als Staatsdoktrin erhoben, man kann von ihnen nicht gerade sagen, daß sie sich durch ein hohes Niveau an Demokratie hervortun.

Das Gesetz von 1905 positionierte sich nicht als Gegner des Glaubens, als Gesetz der Einschränkung, sondern im Gegenteil als ein grosses Gesetz für die Freiheit. Wenn das nicht so gewesen wäre, wie hätte für dieses Gesetz – trotz einiger Schwierigkeiten, auch wenn sie nicht besonders zahlreich waren und durch eine Handvoll Unbeugsamer organisiert wurden, die hofften, das Land verheeren zu können – wie hätte für dieses Gesetz in einem Land, in dem in dieser Zeit die Katholiken in der Mehrheit waren, ein Konsens hergestellt werden können?

Im Jahre 2005, anlässlich des hundertsten Jahrestags des Gesetzes von 1905, gab es jede Menge Kommentare. Man findet z.B. in der Tageszeitung Le Monde, der Zeitung, die manchmal über kleinere Dinge die Wahrheit sagt, um umso besser über die grossen lügen zu können, aber nicht nur in dieser Zeitung, Versuche, deren Interesse es ist, die Geschichte umzuschreiben. Das Gesetz von 1905 ist zum größten Teil das Werk der Libre Pensée dieser Zeit. Aristide Briand, Wortführer des Gesetzes, und Ferdinand Buisson, Präsident des parlamentarischen Ausschusses für dessen Ausarbeitung, waren Freidenker; Ferdinand Buisson selbst war Präsident des französischen Freidenker-Verbandes. Vor allem auf dem Weltkongress der Freidenker in Rom 1904 hat die Sache Gestalt angenommen. Nun, 2005 haben die Presse und diverse Kommentatoren behauptet, das Gesetz von 1905 sei das Werk der Gemäßigten aus beiden Lagern gewesen: der gemäßigten Freidenker und der gemäßigten Katholiken gegen die Extremisten aus beiden Lagern. Das ist absolut falsch. Alle Freidenker, die im Parlament saßen, haben für das Gesetz gestimmt. Hingegen hat gleich nach der Abstimmung der Papst (der meines Wissens als Vertreter aller Katholiken gilt) die Katholiken aufgefordert, das Gesetz abzulehnen und insbesondere die Einsetzung von religiösen Gruppierungen, die mit der Verwaltung der kirchlichen Gebäude beauftragt wurden: in der Folge mussten der Staat und die Gemeinden mit der Situation fertig werden und Kirchen und Kathedralen, die vor der Verabschiedung des Gesetzes gebaut worden waren, zu öffentlichen Gebäuden machen, die von staatlichen Geldern finanziert und restauriert wurden.

In der Tat hat die Kirche trotz aller Reden dieses Gesetz niemals akzeptiert, und sie hat versucht, sei es direkt oder indirekt über die Politiker, welche die Interessen der Kirche vertreten, es wo immer es ging, zu bagatellisieren, ja sogar, es rundweg in Frage zu stellen. Dabei wird sie unterstützt, manchmal kommen ihr diese sogar zuvor, von anderen Religionen, wie z.B. die Fédération protestante de France, die - im Gegensatz zu der das Gesetz unterstützenden Position, die sie 1905 gewiss aus strategischen Gründen eingenommen hatte - heute die erste ist, die, wie sie es nennt, eine Nachbesserung des Gesetzes fordert, insbesondere unter dem Vorwand, es seien neue Mitspieler in diesem Spiel hinzugekommen, d.h. etwa neue Religionen, die zum Zeitpunkt 1905 nicht berücksichtigt worden waren: damit ist natürlich der Islam gemeint. Um nicht zu weit abzuschweifen und den roten Faden in meiner Rede nicht zu verlieren, komme ich, wenn Sie wollen, später gern noch einmal darauf zurück.

Einer der ersten Verstöße – und nicht der geringste - gegen das Gesetz von 1905 war die Beibehaltung des früheren Konkordatssystems in den drei Departements Haut Rhin, Bas Rhin und Moselle, als diese nach dem 1. Weltkrieg wieder an Frankreich zurückfielen. Dann, während des 2. Weltkrieges, natürlich, installierte das Vichy-Regime ein sehr entscheidendes antilaizistisches System (Religionsunterricht an den Schulen, Unterrichtung in den religiösen Pflichten, finanzielle Unterstützung privater Schulen durch öffentliche Gelder, religiöse Kongregationen traten wieder auf, religiöse Vereinigungen konnten Schenkungen und Erbschaften annehmen (was durch das Gesetz von 1905 verboten worden war, um die Priester daran zu hindern, Sterbende zu belagern, um ihnen die Erbschaft abzuluchsen), die Kommunen konnten die Kosten für den Betrieb der Kirchen übernehmen (und nicht nur den Unterhalt der Gebäude, wie vorhin gesagt).

Nun, man muss im Kopf behalten, daß die meisten dieser Bestimmungen bei der Befreiung beibehalten wurden, eine Tatsache die von der Libre Pensée immer wieder angeprangert wird.

Die IV. und dann die V. Republik, die nach dem Krieg folgten, entwickelten dieses ganze antilaizistische Arsenal weiter, diese Angriffe auf das Gesetz von 1905: um es kurz zu machen, es handelt sich insbesondere um Gesetze, die die Kommunen verpflichteten, private Schulen (95% davon konfessionelle) zu subventionieren und die Schüler finanziell zu unterstützen, die diese Schulen besuchen. Man muss wissen, daß Lehrer und Studienräte dieser Schulen, Kollegien und privaten Gymnasien – sobald diese Schulen unter einem Staatsvertrag laufen - vollständig vom Staat bezahlt werden, ganz wie die Lehrer und Studienräte im staatlichen Schuldienst.

Ein regelrechter Strom öffentlicher Gelder fließt heute den Kirchen über die schulischen Einrichtungen, die sie führen, zu, aber auch über eine ganze Reihe von Familieneinrichtungen, Stadtteil-Vereinen, Jugendgruppen und sogar Sportclubs. Die Libre Pensée hat begonnen, eine Bestandsaufnahme all dieser umgeleiteten öffentlichen Gelder vorzunehmen. Am 9. Dezember 2006 (das Gesetz zur Trennung von Staat und Kirche war am 9. Dezember 1905 verabschiedet worden und eine Bestandsaufnahme kirchlicher Einrichtungen war 1906 gemacht worden) haben wir die „Generalstände zur Verteidigung des Laizismus“ einberufen, und wir haben bei dieser Gelegenheit einen Gesamtbericht veröffentlicht, mit dem Titel „Schwarzbuch der Angriffe auf den Laizismus“, der hier erhältlich ist. Wir kommen auf eine Summe von insgesamt 10 Milliarden Euros an staatlichen Geldern, die im Wesentlichen zugunsten der katholischen Kirche abgezweigt wird. Damit Sie eine konkretere Vorstellung von dieser Schwindelerregenden Summe bekommen, sollten Sie wissen, daß die jährliche Einkommensteuer sich auf eine Summe von 49 Milliarden Euros beläuft und daß die jährliche Staatsverschuldung 42 Milliarden ausmacht: im Klartext, man zahlt den Gegenwert von mehr als 20 % der Einkommensteuer und ein Viertel der jährlichen Staatsverschuldung an die katholische Kirche, die wieder einmal der größte Nutznießer in unserem Land ist.

Einige unserer Freunde in Frankreich und Europa und andere, die es weniger sind oder die sogar ganz und gar keine Freunde sind, stellen uns die folgende Frage: Wenn es so viele Angriffe auf den Laizismus in Frankreich gibt, ist das nicht der Beweis dafür, daß der Laizismus "à la française" (und seien Sie sich bewusst, daß ich diesen Begriff in Anführungszeichen setze) nicht die richtige Lösung ist? Daß das Gesetz von 1905 revidiert, korrigiert, verbessert, oder sogar aufgehoben werden muss? Die Frage ist: Soll man das Kind mit dem Bade ausschütten? Impliziert die Tatsache, daß ein Gesetz permanent mit Füßen getreten wird, daß man es definitiv abschaffen sollte? Sie erinnern sich: "Du sollst nicht töten": nur leider grassiert das Verbrechen überall: Soll man diesen Grundsatz aufgeben und ein neues Gesetz schaffen und sich mit dem Verbrechen abfinden? Der Friede ist eine gute Sache, jedermann denkt das. Leider gibt es aber immer wieder Kriege: Soll man also die Idee aufgeben, für den Frieden zu kämpfen und nicht versuchen, ihn überall herzustellen? Man könnte solche Beispiele unendlich fortsetzen. Nein, wir verzichten nicht auf das Gesetz von 1905, unter gar keinen Umständen: Die Angriffe, denen es ausgesetzt ist, bestätigen uns in der Überzeugung, daß alles dafür getan werden muss, daß es eingehalten wird: das ist lebensnotwendig für die französische Republik, aber es ist auch lebensnotwendig für den Rest der Welt, ich komme noch darauf zurück.

Der Laizismus impliziert noch einen anderen Wert: Die Tatsache, daß sich die Rolle des Staates auf den öffentlichen Bereich beschränken soll, setzt voraus, daß er die Individuen nur als Bürger anerkennt ohne irgendeine Bezugnahme auf ihren Glauben oder ihre religiösen oder weltanschaulichen Überzeugungen. Es ist die Gleichheit aller vor dem Gesetz, die Vorrang hat.

Gleichzeitig zu den immer stärker werdenden Angriffen auf den Laizismus in Frankreich, beobachten wir ein Anwachsen der Kommunitarismen. Kommunitarismen, ganz gleich, welche Überzeugungen und Werte sie vermitteln, dienen den eingeschworenen Feinden der Demokratie und insbesondere den Kirchen, die immer leerer werden, oft als Trojanisches Pferd. Man versteht weshalb: Einer seriösen Umfrage zufolge, die für die französische katholische Wochenzeitung "La Vie" durchgeführt wurde, denken 16 % der Katholiken, daß Christus nicht, oder wahrscheinlich nicht, existiert hat, nur 39 % glauben, daß er Gottes Sohn war. Einer anderen Umfrage zufolge, die für „Le Pélerin", eine andere katholische Zeitung, durchgeführt wurde, denken 89 % der Katholiken, daß Wunder nichts mit göttlichem Eingreifen zu tun haben, und 16 % denken, daß es Wunder nicht gibt: Sie sehen, daß die römische Kirche Fortschritte macht! Die Grotte von Lourdes wird dadurch allerdings nicht leer.

Um auf ernsthaftere Dinge zurückzukommen: Eine Gemeinschaft, welche die einer Gruppe, einer Kultur, einer Tradition eigenen Werte, wenn das erwünscht ist, im privaten Rahmen pflegen will, wird zum eingeschworenen Feind der Freiheit, wenn sie Sonderrechte im privaten Bereich fordert, und sie wird zum Feind der Emanzipation, wenn sie versucht, irgend jemanden daran zu hindern, sie zu verlassen. Sie versucht, der menschlichen, universellen Kultur ihre interne, begrenzte und restriktive Kultur entgegen zu setzen. Auf einer Konferenz 1882 an der Sorbonne, die sich mit dem Thema beschäftigte, was das Wesen einer Nation ausmacht, führte Ernest Renan in seiner Rede Was ist eine Nation? aus: "Vor der französischen Kultur, der deutschen oder der italienischen steht die menschliche Kultur". Spricht er damit nicht ein Problem an, das niemals aktueller war als heute? Und er fügte hinzu: "Man hat nicht das Recht durch die Welt zu gehen, den Leuten den Kopf zu tätscheln und sie dann an der Gurgel zu packen und zu sagen: "Du hast das gleiche Blut wie wir, du gehörst zu uns!"

Die Identität eines Menschen kann sich nicht auf seine Zugehörigkeit zu einer Gruppe, einer Ethnie, einer Kaste beschränken. Er hat Anspruch auf alle Errungenschaften der menschlichen Zivilisation in ihrem Besten, Universellen und Dauerhaften. Man kann das Wort Alain Finkielkraut überlassen, der 1989 in seinem Buch La défaite de la pensée klar den Unterschied zwischen 1789 und dem Ethnizismus zusammenfasst: "Bislang definiert durch ihren Platz in der sozialen Ordnung, treten die Individuen plötzlich aus ihrem Rang heraus. Sie werden alle zu Kastenlosen und erobern, wie es (der Historiker) Ernst Bloch treffend formuliert, "das Recht, ihre Livree abzulegen".

Und Finielkraut schließt:

"Nun, die Alternative ist einfach: Entweder haben die Menschen Rechte oder sie tragen eine Livree"

Kann man fordern, daß die Staaten - da sie Religionsgemeinschaften finanzieren - ebenfalls humanistische, nicht-konfessionelle Gemeinschaften finanzieren müssen?

Was ist der Zusammenhang zum Laizismus, der nicht als nicht-religiöse Denkart zu betrachten ist, sondern als ein institutionelles Rechtssystem, das den öffentlichen vom privaten Bereich trennt?

Und was ist eine nicht-konfessionelle Gemeinschaft? Eine Gruppe von Individuen, die sich zu gemeinsamen, nicht-konfessionellen Werten bekennt? Eine politische Partei? Ich bin nicht gläubig: Eine größere Zahl von in diesem Saal anwesenden Personen sind, vermute ich, ebenfalls nicht gläubig. Bedeutet das, daß wir deshalb die gleichen Anschauungen über alles teilen müssen, so wie ein gläubiger Mensch die Dogmen zu ehren hat? Haben wir das Recht, den Staaten zu sagen, wir vertreten alle, die von keiner Kirche vertreten werden, also gebt uns Geld! Wenn wir aus dem Laizismus die Religion der Ungläubigen machen und unsere Aktivitäten auf öffentlichen Zuschüssen gründen, ja, dann können wir sagen, daß die Trennung von Staat und Kirche ein nettes Konzept ist, das man voller Begeisterung auf einem Kongress verabschieden kann, das man aber schnell in die Rumpelkammer unnützer und unrentabler Requisiten räumen sollte.

Wenn wir uns selbst gegenüber konsequent sein wollen, müssen wir den Staaten sagen: Hört auf, Gemeinschaften zu finanzieren, alle Gemeinschaften! Benutzt die öffentlichen Gelder, um öffentliche Dienstleistungen zu fördern, Krippen, Schulen, Krankenhäuser, Ambulanzen, Strassen, Kulturzentren, Postämter, öffentliche Energie- und Transportdienste. Wenn es Konkurrenz zwischen den Gemeinschaften geben soll, den Gläubigen und den Nicht-Gläubigen, dann soll dies über die demokratische Mittel der freien Rede geschehen, ohne Privilegien, weder für die einen, noch für die anderen. Mit gleichen Waffen, ohne, daß Du, Staat, Dich da einmischt. Die Zahlen sprechen für sich: je leerer die Kirchen sind, desto mehr Geld bekommen sie, und desto mehr Mittel und staatliche Unterstützung fordern sie. Und wenn die Kirchen immer weniger voll sind, dann weil sich trotz allem der Fortschritt in Richtung der Säkularisierung der Gesellschaften bewegt. Unbedingt an der Verteilung des staatlichen finanziellen Mannas teilhaben zu wollen, bedeutet, es den sterbenden Kirchen zu ermöglichen, ihre Agonie unendlich zu verlängern.

Muss man darüber erstaunt sein, daß die Europäische Union, deren geplante oder überarbeitete Verfassung vollständig auf der Sozialdoktrin der römisch katholischen Kirche begründet ist - mit oder ohne Präambel, die Bezug nimmt auf die religiöse oder humanistische Vergangenheit ihrer Mitgliedstaaten - ebenfalls versucht, jede Entwicklung der Länder hin zu einer Trennung von Staat und Kirche zu blockieren, indem sie in den Texten die Beziehungen, die in jedem Land im Moment der Vertragsunterzeichnung bestehen, festschreibt?

Muss man darüber erstaunt sein, daß der Europarat den Dialog mit den Kirchen begünstigt?

Muss man darüber erstaunt sein, daß bei einer Delegation in Brüssel die englischen und französischen Freidenker zur Antwort bekamen, es sei normal, die Beziehungen mit den Kirchen eher als die mit humanistischen Vereinigungen zu begünstigen, weil letztere die Immanenz, erstere die Transzendenz verträten?

Ebenso ist es üblich, daß es heißt, das Wort "laïcité" sei in keine Sprache zu übersetzen: Es sieht sogar fast so aus, als sei ein neuer göttlicher Fluch herab gekommen auf die Erbauer dieses neuen Turms von Babel, den die Humanisten in den Himmel zu bauen suchten: "Laïcité" haben Sie gesagt? Keiner versteht Sie, mein Freund! Das gibt es nicht im Vokabular der Europäischen Union und auch in keiner anderen ordentlichen gesprochenen Sprache!

Gut, "geben Sie mir das Wort und ich gebe Ihnen die Sache", wie es ein freisinniger französischer Dichter des XVII. Jahrhunderts in einem hübschen, wenn auch etwas anzüglichen Gedicht, das er einer hübschen Dame schrieb, ausgedrückt hat. In Wirklichkeit, sind diejenigen, die von der Unmöglichkeit, das Wort "laïcité" in eine andere Sprache zu übersetzen, reden, selber diejenigen, die möchten, daß nichts sich bewegt, daß alle Privilegien der Vergangenheit beibehalten werden. Denn schlussendlich: Ist die Idee, daß der Glaube in den privaten Bereich gehört und den öffentlichen Bereich nicht beeinflussen darf, wirklich so befremdlich für die Bürger irgendeines Teils unseres Planeten?

Was kann nicht übersetzt werden? Die Tatsache, daß Millionen Euros ganz legal vom Staat an die etablierten, anerkannten Kirchen verteilt werden? In Deutschland, z.B., haben die Katholiken und die Protestanten 1999 jeweils 28 Milliarden Francs (mehr als 4 Milliarden Euros) erhalten, was 80% ihres Budgets entspricht.

Ist es nicht übersetzbar, wenn man es als untolerierbar beurteilt, daß die katholische Kirche in den meisten europäischen Ländern (auf dem französischen Territorium inbegriffen) aufgrund der Unterzeichnung des Konkordats privilegierte Rechte besitzt?

Kann es irgendjemand nicht verstehen, daß es unzumutbar ist, daß in Deutschland einem nicht-gläubigen Arbeitslosen automatisch von seinem Arbeitslosengeld die Summe abgezogen wird, die der Kirchensteuer entspricht, selbst wenn er diese nicht gezahlt hat, als er berufstätig war?

Ist es normal, daß in diesem gleichen Land, jemand, der aus der Kirche, der er angehört hat, austreten will, eine Gebühr zahlen muss, die zwischen 30 bis mehr als 100 Euros liegt?

Ist es wirklich übertrieben, oder sogar überholt, zu fordern, daß die Kirchen sich nicht hinter dem Schutzschild des Staates verstecken durch Gesetze, die Blasphemie verurteilen, auch für Personen, die den Glauben an die gelästerte Sache gar nicht teilen? Gewiss, für sie geht es darum, jede Kritik an ihren rückständigen Ideen zu verhindern. Es gibt anti-blasphemische Gesetze in allen europäischen Ländern mit Ausnahme von Frankreich und Belgien – aber auch in diesen Ländern gibt es Gesetze, die "eine jemandem zugefügte Beleidigung" unter Strafe stellen. Darüber haben die französischen Bischöfe kürzlich die Verurteilung einer Werbung in erster Instanz erreicht, in welcher das Abendmahl dargestellt war, bei dem, oh wie schrecklich, nur Frauen anwesend waren. Zum Glück wurden sie vom Berufungsgericht zurückgewiesen. Laizismus ist gleichzeitig die Forderung, jegliche anti-blasphemische Gesetzgebung außer Kraft zu setzen. Das sind Gesetze, die zur Vergangenheit gehören, es sind Gesetze, die verschwinden müssen aus dem Arsenal der modernen Staaten.

Unsere Freunde von der National Secular Society haben für Großbritannien ein Programm aufgestellt: Wir haben es in der letzten Nummer unserer Vierteljahreszeitschrift "L’Idée Libre" veröffentlicht, die diesem Land gewidmet ist und die Sie bei der französischen Delegation für einen fast lächerlichen Betrag erhalten. Sie ist natürlich in französischer Sprache, das ist bedauerlich, aber auch das ist eine Besonderheit "à la française", will ich mal sagen. Worin besteht dieses Programm, welches in einer Verfassung, für die sie kämpfen, festgeschrieben werden soll:

  1. Es gibt keine etablierte Religion.
  2. Der Staat darf keine religiösen Aktivitäten finanzieren.
  3. Die Leistungen aller öffentlichen Dienste sind unabhängig von den Religionen.
  4. Keine Religion oder Konfession darf die Gesetzgebung beeinflussen.
  5. Keine Handlung des Staates darf als Hauptzweck die Förderung der Religionsausübung haben.
  6. Keine Handlung des Staates darf ihren Zweck darin haben, die Religionsausübung zu verbieten.
  7. Der Staat hat nicht das Recht, eine religiöse Doktrin zu ändern oder in kirchliche Hierarchien einzugreifen.
  8. Der Staat darf keinen Glauben oder eine religiöse Präferenz äußern.
  9. Die verantwortlichen Politiker dürfen ihre religiösen Präferenzen nicht innerhalb ihres Mandates äußern.

Ist dieses Programm ausschließlich englisch? Gültig nur für Großbritannien, nicht fähig über die Meere zu gelangen und ganz gleich welchen Kontinent zu erreichen, wie die zweifelhafte englische Küche? Das glauben wir nicht, es ist genau das, was wir Laizismus nennen: es ist die Frucht der Erfahrung unserer englischen Freunde, so wie das Gesetz von 1905 die Frucht der Erfahrung der französischen Freidenker war, die es ausgearbeitet haben. Jedes Land kann und muss seinen Weg finden, es gibt verschiedene Wege, aber es ist das einzige Ziel, was sich lohnt, wenn man die Menschheit auf dem Weg der echten Demokratie vorwärts bringen will.

Aber - und ich habe vorhin schon einmal gesagt, daß der Fortbestand des französischen Gesetzes von 1905 lebenswichtig für die gesamte Menschheit war - können wir in gleicher Weise weltweit weiterkämpfen für die Trennung von Staat und Kirche, wenn es dieses Gesetz in Frankreich nicht mehr gibt oder wenn es vollkommen entstellt und sinnentleert ist?

Vielen Dank


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